Let’s invent a language to narrate my story

Standorte

andata.ritorno
37 rue du Stand
1204Genève
Switzerland
Dienstgebäude
Töpferstrasse 26
8045Zürich
Switzerland

Daten

-

Künstler

  • Beni Bischof
  • Sabine Hertig
  • Christina Hemauer
  • Roman Keller
  • Uriel Orlow
  • Simone Zaugg
  • Christine Boillat
  • Julian Charrière
  • Jonathan Delachaux
  • Joëlle Flumet
  • Beat Lippert
  • Denis Savary

Kurator

  • Bernard Vienat

Der Verein art-werk präsentiert mit Let's invent a language to narrate my story eine Doppelausstellung, die sich mit der Frage der Narration in der zeitgenössischen Kunst aus Sicht des Künstlers und des Betrachters auseinandersetzt. Dem Anliegen folgend, den kulturellen Austausch zwischen den beiden größten Sprachregionen der Schweiz zu fördern, werden in der Ausstellung Let’s invent a language to narrate my story sechs Künstler aus der Westschweiz im Dienstgebäude in Zürich und sechs Deutschschweizer Künstler im Kunstraum andata.ritorno in Genf ausstellen.

Let’s invent a language to narrate my story, andata.ritorno, Genève,  Ausstellungsansicht
Let’s invent a language to narrate my story, Beni Bischof, Sabine Hertig, Simone Zaugg, andata.ritorno, Genève, Installation view.

Jedes einzelne Werk ist Träger und sogleich Vermittler von Geschichten, die sich in der Ausstellung wie Kapitel aneinanderfügen und vom Betrachter gelesen werden wollen.

Gleich beim Eintreten ins Dienstgebäude wird der Zuschauer von einer Barriere aus Steinbohrkernen gestoppt. Das Werk von Julian Charrière besteht aus 5 säulenartigen Konstruktionen aus aufeinandergetürmten Steinen und scheint uns als eine Art Gefangene willkommen zu heissen. Jeder der Steine ist ursprünglich aus einer anderen Epoche, zusammengefügt vermitteln sie das Gefühl eines modernen Gefängnisses. Sie erzählen uns somit eine Geschichte der Zeit. Auf der linken Seite bietet das Werk einen "Ausweg" in den Ausstellungsraum hinein und führt uns ans nächste Werk heran.

Julian Charrière and Julius von Bismarck
Let’s invent a language to narrate my story, Julian Charrière and Julius von Bismarck, Dienstgebäude, Installation view.

Die vier Fotografien zeigen uns das zweite wesentliche Element der Erzählung: die Sprache. Die beiden Künstler Julian Charrière und Julius von Bismarck haben die Elemente der Natur mit deren eigener Bezeichnung beschriftet und dies dann fotografisch festgehalten. Der in den Sand geschriebene Begriff "Düne" versteht sich wie eine übergreifende Tautologie, die den Namen einer Sache, deren Bild und das damit verbundene Erinnerungsgefühl an deren Beschaffenheit hervorruft. Die Unmittelbarkeit dieser Aktion stellt den Sinn unserer Art, die Dinge zu benennen, dar und hinterfragt sie. Wie benennen wir etwas? Und aus welchen Gründen?

Christine Boillat
Let’s invent a language to narrate my story, Christine Boillat, Dienstgebäude, Installation view.

Christine Boillat nennt ihr Werk accident 4.Ein Fahrrad liegt am Boden inmitten von Erde, Insekten und zerbrochenen Glühbirnen. Vielleicht als Folge eines Sturzes, die Pedalen drehen sich noch, während im Hintergrund sanfte Musik ertönt. Links davon hängt an der Wand eine Zeichnung, die mit der Installation in einen Dialog tritt. In der Tiefe eines Waldes erkennt man einen Fahrradfahrer, der -so scheint es- sich verirrt hat. Fliegen fliegen drum herum, kleine Lämpchen beleuchten den Weg und die Bäume auf eine seltsame Weise und heben die Grenze zur Finsternis hervor.

Let’s invent a language to narrate my story, Dienstgebäude Zürich, Ausstellungsansicht
Let’s invent a language to narrate my story, Beat Lippert, Dienstgebäude, Installation view.

In Beat Lipperts Installation und Video trifft man sowohl auf eine surrealistische Ebene des Erzählens, findet aber auch offensichtliche Anlehnungen an die Kunstgeschichte. Das Video Extase en Aval zeigt die Performance des Künstlers. In dieser fährt er auf einem Floss mit der Nike von Samothrake, die auf einem Thron steht, die Seine von Paris bis Le Havre hinunter. Es ist die Erzählung einer physischen Bewegung einer der bekanntesten Skulpturen des Louvre. Sie hat zeitlich eine lange Geschichte, also einen weiten Weg hinter sich. Neben der Videoinstallation steht ein nachgebautes Floss, auf welchem eine Reproduktion der Nike von Samothrake steht. Diese Skulptur hat der Künstler eigens für die Ausstellung nachgebaut und hinterfragt dadurch die Bedeutung des Relikts einer Performance, aber auch den Begriff von Kopie und Original.

Bei den zwei Werken von Denis Savary sind eindeutige Anekdoten der Kunstwelt inszeniert und übernommen worden. In seiner Serie Intimités (nach Felix Vallotton) schafft Savary 10 perfekte Kopien von Holzschnitten Vallottons, welche die Liebesgeschichte zwischen dem Waadtländer Maler und Mesia, seinem bevorzugten Model, erzählen. Vallotton hatte die Köpfe von Mesia in Holzschnitte verewigt und hat diese Serie zu Lebzeiten nie zeigen wollen. Dieser Serie gegenüber steht eine Bank, auf der eine Maske liegt. Dieses Werk bezieht sich auf die Geschichte des Künstlers James Ensor, auch als "Maler der Masken" bekannt. Von seinem Privatleben ist wenig bekannt. Die Objekte verweisen auf sein künstlerisches Schaffen und die Bank auf eine vielleicht verschwiegene Geschichte von Liebesakten mit seinen Musen. Erlaubt der Schutz der Masken nicht alle Fantasien?

Fantasien entdeckt man auch in den erfundenen Welten von Jonathan Delachaux: eine stereoskopische Installation, bestehend aus einer lebensgrossen Puppe und einer malerischen Arbeit. Blickt der Besucher durch das Stereoskop, verschmelzen beide dargestellten Szenen miteinander. Die Installation besteht aus einem weissen grossen Kubus, den man betreten kann. Es ist das Hotelzimmer von Naïma Bourquin, eine der drei Figuren von Delachaux, deren Geschichte er seit mehr als 17 Jahren in seiner Malerei erzählt. Neben dem Bett liegt ein Buch, in dem die ganze Geschichte von Naïma zusammengefasst ist.

Christina Hemauer and Roman Keller - Geneva
Let’s invent a language to narrate my story, Simone Zaug, Christina Hemauer and Roman Keller, andata.ritorno, Genève, Installation view.

Auf der gegenüberliegenden Wand befinden sich die digitalen Zeichnungen von Joëlle Flumet. Die hier ausgestellte Serie setzt sich in anekdotischer und kritischer Weise mit der Schweizer Politik auseinander. Daneben läuft eine Videoanimation, aus der die Bilder entnommen wurden. In der Animation erkennt man das Bundeshaus: verschiede Zimmer, den Hauptkonferenzraum und die Wandelhalle. Dies erlaubt dem Betrachter, die Bilder in ihrem ursprünglichen Zusammenhang zu sehen. Dieses Werk wurde 2013 als Auftrag für das Bundeshaus realisiert.

Beni Bischof, Genève
Let’s invent a language to narrate my story, Beni Bischof, andata.ritorno, Genève, Installation view.

Dem Besucher kann eine Minikamera ausgehändigt werden, um anderen Zuschauern einen virtuellen Rundgang zu ermöglichen. So wird der individuelle Gang durch die Werke simultan in beide Ausstellungsorte und auf eine Internetseite übertragen. Durch die Übermittlung der Aufnahmen werden die Aktivitäten der beiden Kunsträume dokumentiert und die Besucher angeregt, die beiden Ausstellungen selbst physisch zu erforschen.

Haben Sie ihre eigene Geschichte für jedes Werk gefunden?

Text: Bernard Vienat / Übersetzung: Patrizia Mazzeian

Mit freundlicher Unterstützung von: Pro Helvetia, Loterie Romande, Ernst Göhner, Stiftung Fondation, Oertli Stiftung, La Ville de Genève